Antisemitismuserfahrung in der Dritten Generation
Zur Reaktualisierung extremen Traumas bei Nachkommen von Überlebenden der Shoah

Der interdisziplinäre Forschungsverbund zielte auf eine umfassende qualitative Analyse von Antisemitismuserfahrung und transgenerationaler Reaktualisierung von NS-Verfolgung im heutigen Leben der Dritten Generation. Enkel:innen von Holocaustüberlebenden wurde ein Raum eröffnet, über ihre Erfahrungen mit antisemitischen Anfeindungen, ihre Befürchtungen, Sorgen und Ängste sowie ihre Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien zu sprechen. Gleichzeitig wurden Identifizierungen, Loyalitäten, Konflikte und die transgenerationale Tradierung des extremen Traumas – gerade in Deutschland – in den Blick genommen. Es wurde untersucht, in welcher Art und Weise der zeitgenössische Antisemitismus erfahren wird und wie er die historischen Verfolgungserfahrungen der Großeltern re-aktualisiert. Die Gruppensitzungen und Interviews werden in einem elaborierten multi-methodischen Forschungsdesign ausgewertet, um zu einer profunden Analyse der Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus – vor allem aus jüdischer Perspektive – zu gelangen. In enger Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartner:innen widmet sich die abschließende Projektphase der Integration und Dissemination der neu gewonnenen Erkenntnisse, der Fortbildung von psychosozialen Fachkräften und dem Transfer in politische Bildungsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene.

Mit dem genozidalen Massaker am 7. Oktober 2023 und dem damit einhergehenden drastischen Anstieg von Antisemitismus weltweit, hat sich auch das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland
grundlegend verändert – und Fragen nach dem Verhältnis von heutigen Erfahrungen und dem familiär-tradierten Trauma sind relevanter denn je. So wurde die Encountergruppe für Angehörige der Dritten Generation, die seit Anfang des Jahres 2023 eingesetzt und vorläufig abgeschlossen war, nach dem 7. Oktober 2023 wieder aufgenommen. Wir waren aus wissenschaftlicher Sicht in der einmaligen Situation, Datenmaterial im gleichen Setting mit derselben Gruppe vor und nach dem 7. Oktober zu erheben.


Die Untersuchung hat folgende Befunde erbracht:

• Erfahrungen von Antisemitismus können in Familien von Holocaustüberlebenden die Verfolgungserfahrungen während des NS reaktualisieren und erhalten damit häufig eine extreme traumatische Wucht.
• Insbesondere nach dem 7. Oktober erleben Jüdinnen und Juden eine tiefe Isolation, Indifferenz, Einfühlungsverweigerung, fehlende Solidarität und ringen mit einem Verlust des Weltvertrauens.
• Erfahrungen von Antisemitismus, vor allem seit dem 7. Oktober, verbinden sich für die Dritte Generation mit tiefgreifenden Veränderungen im Erleben von Gruppenzugehörigkeiten und Gruppengrenzen.
• Bei Nachkommen von Überlebenden der Shoah kehrt die Überlebendenschuld transgenerational häufig als Individuations- oder Trennungsschuld wieder, so auch nach Antisemitismuserfahrungen.
• Nach Antisemitismuserfahrungen besteht hoher Bedarf an Beratung, Therapie, Supervision und professioneller Begleitung, u.a. zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Dialogfähigkeit. Gleichzeitig hat im psychosozialen Feld die antisemitismuskritische und traumasensible Professionalisierung eine hohe Relevanz.

Veranstaltungen

Publikationen

  • AE3G: Arnold, S.: Eingestürztes Weltvertrauen nach dem 7. Oktober. Antisemitismuserfahrung und Traumatradierung in der Dritten Generation , in: Zeitschrift Psychosozial (178/4) 2024, S. 68-87 .

  • AE3G: Arnold, S., Grünberg, K. & Decker, O.: Erfahrungen des Antisemitismus in Deutschland vor und nach dem genozidalen Angriff auf Israel. , in: Zeitschrift Psychosozial (178/4) 2024, S. 5-7 .

  • AE3G: Arnold, S., Grünberg, K., & Decker, O. (Hrsg.): Erfahrungen des Antisemitismus Schwerpunktthema, in: Zeitschrift Psychosozial (178/4) 2024.

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Kontakt

Dr. phil. Kurt Grünberg

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Fachgebiet Allgemeine Linguistik
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Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl

Verbundpartnerin
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