Jüdische Reaktionen auf Antisemitismus
Die Entgrenzung des Sag- und Machbaren in der jüdischen Ritualpraxis
Jüdische Ritualpraxis und Religiosität werden bis heute an christlichen Begriffen und Traditionen gemessen, weshalb Verständnis und Akzeptanz begrenzt sind und die jahrhundertelang tradierte Ablehnung, bewusst und unbewusst, fortgeführt wird. Das Projekt untersucht, ob und in welchem Ausmaß Juden und Jüdinnen durch die christlich konnotierten, ablehnenden Haltungen in ihrer eigenen religiösen Praxis beeinflusst werden. Das Projekt widmete sich der Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für die blinden Flecken im Umgang mit jüdischer Religionsausübung, indem einerseits Jüdinnen und Juden als Betroffene interviewt und andererseits die öffentliche Wahrnehmung jüdischer Ritualpraxis in der Alltagspresse analysiert wurde.
Das Heidelberger Teilprojekt fragte mithilfe qualitativer Interviews mit Juden und Jüdinnen nach Möglichkeiten und Grenzen jüdischen Lebens. In einer Erstbefragung, 2021–2022, stand die Selbstbeschränkung und Empowerment im Fokus: In leitfadengestützten Interviews mit 46 Personen zwischen 18 und 81 Jahren aus ganz Deutschland von orthodox bis säkular wurde nach Erfahrungen von Ressentiments hinsichtlich der Ritualpraxis und dem Umgang damit gefragt:
1. Die mediale Darstellung von jüdischen Menschen und von Judentum wird durch visuelle Stereotype verzerrt.
2. Die jüdische Lebenspraxis wird durch die extreme Minderheitensituation und die Notwendigkeit von Polizeischutz erschwert.
3. Die Sichtbarkeit jüdischer Attribute und Symbole wird im Alltag von der Mehrheit der Befragten vermieden.
4. Als Self-Empowerment zur Bekämpfung des Antisemitismus werden das Engagement in Projekten der interkulturellen Begegnung genannt.
Aufgrund des Überfalls der Hamas am 7. Oktober 2023 und des Gaza-Krieges, wurde Anfang 2024 kurzfristig eine Vergleichsstudie erhoben und nochmals 25 Personen befragt, von denen 23 bereits an der Erstbefragung teilgenommen hatten:
1. Der Anstieg von offenem Antisemitismus wird sowohl im privaten Umfeld als auch im öffentlichen Raum und in Social Media erfahren.
2. Die Interviewten schildern Gefühle von Heimat- und Perspektivlosigkeit, die durch fehlende Solidarität der Mehrheitsgesellschaft hervorgerufen wird und teilweise konkrete Überlegungen zur Auswanderung erzeugen.
3. Die Sichtbarkeit jüdischer Attribute und Symbole wird nun von nahezu allen Befragten im Alltag und in Social Media vermieden.
4. Gleichzeitig hält das Self-Empowerment zur Bekämpfung des Antisemitismus durch fortgesetztes Engagement in Bildungsprojekten an.
Das Duisburger Teilprojekt untersuchte die Darstellung des Judentums in der deutschen Alltagspresse. Mithilfe einer umfassenden Diskursanalyse wurde danach gefragt wie der jüdische Ritus und die jüdischen Werte im öffentlichen Diskurs abgebildet werden und welcher Zusammenhang beidem beigemessen wird. Die diskursanalytische Untersuchung umfasste ca. 400 Texte aus Printmedien, die zwischen Januar und März 2021 erschienen sind.
Obwohl Anfang 2021 das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ mit einer Fülle von nichtjüdischen Stellungnahmen begrüßt wurde, erwies sich, dass dabei das Judentum nicht in seiner ethischen Dimension adressiert wurde: Der Raum, der über Jahrhunderte mit der ethischen Diskreditierung des Judentums gefüllt war, besteht damit als Leerstelle (als „Raum der Nicht-Sagbarkeit“) fort. Die Effekte in konkreten Texten zeigen sich als ‚schiefe‘ rhetorische Wendungen, als Auslassungen, Widersprüche und inhaltsleere Formeln. Sie signalisieren jüdischen Sprecher:innen, dass inhaltliche jüdische Perspektiven gesamtgesellschaftlich nicht wahrgenommen werden.
Zwischen dem 7. Oktober und dem 7. Dezember 2023 wurden erneut ca. 1.000 Medientexte gesichtet, um Veränderungen nachzugehen. Dabei zeigte sich ein enormes Interesse von nichtjüdischer Seite an den Ereignissen des 7. Oktober. Gleichzeitig klagten viele jüdische Sprecher:innen, dass sich der Graben zwischen nichtjüdischer Seite und jüdischer Betroffenheit weiter vertieft habe.
- Birgit Klein, Rabb. Prof. Dr. (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg)
- Ulrike Offenberg, Rabb. Dr. (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg)
- Jessica Hösel (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg)
- Jobst Paul, Dr. (Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V.)
- Dyana Rezene (Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V.)
Veranstaltungen
Publikationen
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Ritualpraxis: Jobst Paul: Die Binarismus-Analyse als Beitrag der Sprachwissenschaft zur Frage der Rassismus/Antisemitismus-Interferenz. Problemaufriss und Lösungsansätze, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 32 (2023), S. 387-416 .
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Ritualpraxis: Jobst Paul: Religion und Macht - Zum extremistischen Potenzial des christlichen Fundamentalismus, in: Kurzgutachten 7 im Auftrag von Core-NRW.
Im Web
Projektseite juedischleben auf Webseite der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Kontakt
Rabb. Prof. Dr. Birgit Klein
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Dr. Jobst Paul
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V.