Jüdische Reaktionen auf Antisemitismus
Die Entgrenzung des Sag- und Machbaren in der jüdischen Ritualpraxis

Bereits in der Anfangsphase der Entstehung des Christentums wurden religiöse Traditionen des Judentums als primitiv, überholt und sogar bedrohlich gezeichnet. Jüdische Ritualpraxis wurde als schwarze Folie vermittelt, von der sich christliches Selbstverständnis leuchtend abhebe - theologisch überlegen und mit einer Frömmigkeit, die derartiger Bräuche nicht bedarf. Diese Negativzeichnungen entfalten ihre Wirkung auch trotz fortschreitender Kirchenferne der Bevölkerung in Deutschland. Die Ablehnung wird nun mit Argumenten der Diskussionen um Menschenrechte, Kindeswohl, Tierschutz, Entfernung der Religion aus dem öffentlichen Leben und mit anderen ethischen Konstrukten begründet. Gleichzeitig haben die Gewaltakte und terroristischen Anschläge vonseiten des rechtsextremistischen, islamistischen und des israelbezogenen Antisemitismus in den vergangenen Jahren ein Bedrohungspotenzial geschaffen, das unter  Jüdinnen und Juden zu Angst, Vorsicht und zur Selbstbeschränkung geführt hat.

Trotz enormer Fortschritte der letzten Jahrzehnte im christlich-jüdischen Dialog blieb die Annäherung im Wesentlichen auf theologische Fragen und Textinterpretation beschränkt. Jüdische Ritualpraxis und Religiosität werden aber weiter nach christlichen Begriffen gemessen, weshalb Verständnis und Akzeptanz begrenzt sind und die jahrhundertelang tradierte Ablehnung, bewusst und unbewusst, fortgeführt wird.

Deshalb nähert sich das Verbundprojekt der Fragestellung in zwei Teilprojekten:

Mitarbeiterinnen: Dr. Ulrike Offenberg, Jessica Hösel

Das Projekt an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg untersucht in einer ersten Phase, ob und in welchem Ausmaß Juden und Jüdinnen durch diese ablehnenden Haltungen in ihrer eigenen religiösen Praxis beeinflusst werden. Haben sie in Wort oder Tat schon negative Reaktionen auf jüdische Rituale erfahren, so dass sie deren Sichtbarkeit einschränken? Werden feindselige Äußerungen oder sogar körperliche Übergriffe antizipiert, so dass auf die Zurschaustellung jüdischer religiöser Symbole und Praktiken verzichtet wird? Diese vermutete Selbstzensur beschreibt die Grenzen des Sag- und Machbaren jüdischen Lebensvollzugs in Deutschland.

Die zweite Projektphase widmet sich der Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für diese blinden Flecken im Umgang mit jüdischer Religionsausübung. In Workshops für Multiplikator:innen der christlichen Kirchen sollen Traditionsstränge der Ablehnung jüdischer Ritualpraxis und deren anhaltende Wirkmächtigkeit sichtbar gemacht werden. Theolog:innen, Pfarrer:innen und Religionspädagog:innen haben so die Möglichkeit, sich mit historisch-theologischen Positionen des Christentums zu Schabbat- und Feiertagspraxis, Beschneidung, Kaschrut, Schächten und anderen Aspekten jüdischer Religion auseinanderzusetzen und dabei judentumsfeindliche Traditionsbestände zu erkennen. Auf diese Weise kann auf häufig übersehene Bedingungen und Einschränkungen jüdischen Lebens in Deutschland aufmerksam gemacht werden.

Zugleich sollen Kurzvideos mit Jüdinnen und Juden entstehen, in denen diese anschaulich, authentisch und emotional erklären, warum für sie welche Formen der Ritualpraxis persönlich wichtig sind. Sie sollen ermutigt werden, selbstbewusst zu schildern, warum Beschneidung, Schächten, das Tragen einer Kippah, Kaschrut oder Observanz von Schabbat und Feiertagen für sie wichtig und Teil des „Gesamtpakets Judentum“ bedeuten. Diese Kurzvideos sollen in den Workshops eingesetzt und auch über die sozialen Medien verbreitet werden, um eine größere gesellschaftliche Akzeptanz gelebter jüdischer Traditionen zu erzielen. Ziel des Forschungs- und Bildungsprojekts ist das Empowerment von Juden und Jüdinnen in Bezug auf eine öffentliche Sichtbarmachung jüdischer Rituale und Traditionen. Andererseits können nichtjüdische Akteure auf diese Weise jüdische Praxis und Religiosität besser verstehen und deren Abwertung in christlicher Theologie, Lehre und in öffentlichen Diskursen entgegenwirken.

Mitarbeiter:innen: Dr. Jobst Paul, Dyana Rezene

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V. führt im Rahmen des Gesamtprojekts eine diskursanalytische Medienanalyse zur Thematisierung des Judentums in deutschen Alltagsmedien durch.

Ziel ist es, jene Strukturelemente im Diskurs zu ermitteln, die nach wie vor für das ‚othering‘ verantwortlich sind, obwohl der politische und mediale Diskurs in großer Breite nunmehr den ‚Kampf gegen Antisemitismus‘ thematisiert. Ganz besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, ob und in welcher Form sich das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, das im März 2021 eröffnet und nun verlängert wurde, im aktuellen Mediendiskurs niederschlägt. Die Analyse kann auf Vergleichsdaten aus einer historischen Diskursanalyse zurückgreifen, die das DISS vor einigen Jahren zum deutsch-jüdischen Diskurs im 19. Jahrhundert durchführte, der vom Widerstand gegen Antisemitismus und gesellschaftlicher Marginalisierung geprägt war. Daraus ergaben sich rund zehn konkrete Fragestellungen, die nun erneut und mit noch größerer Dringlichkeit an heutige Diskurse herangetragen werden müssen.

Erste Teilergebnisse wurden am 24. Februar 2022 im Rahmen einer Online-Präsentation des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung und am 2. März 2022 in einer kürzeren Präsentation gemeinsam mit dem Verbundprojekt Net Olam im Wissenschaftsforum Ruhr vorgetragen.

Die YouTube-Links zu den Mitschnitten der Veranstaltung vom 24. Februar finden sich auf der Instituts-Website des DISS unter http://www.disskursiv.de/2022/03/10/erste-projektergebnisse-das-judentum-in-der-alltagspresse-und-in-der-didaktischen-praxis/.

Der Mitschnitt der Präsentation vom 2. März 2022 ist nachzusehen auf dem youtube-Kanal des Wissenschaftsforums. Das Folienpaket dazu ist unter https://wissenschaftsforum-ruhr.de/wp-content/uploads/2022/03/Vortragsfolien_Jobst_Paul_DISS.pdf einsehbar.

Kontakt

Rabb. Prof. Dr. Birgit Klein

Verbundkoordination
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Landfriedstraße 12
69117 Heidelberg

Dr. Jobst Paul

Verbundpartner
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V.
Siegstr. 15
47051 Duisburg