Christian Signatures of Contemporary Antisemitism

Das Verbundprojekt widmete sich der Identifizierung und wissenschaftlichen Analyse religiös-christlicher Elemente des Antisemitismus in seinen historischen und gegenwärtigen Erscheinungsformen. Grundlage der Untersuchung war die These, dass die Auffassung einer Trennung von „modernen“ (rassistisch hergeleiteten) und „traditionellen“ (christlich-theologisch begründeten) antijüdischen Vorurteilen in der Antisemitismusforschung überwunden werden muss. Vielmehr gilt es, die religiös-christlichen Elemente des Antisemitismus in seinen theologischen, historischen und gegenwärtigen Erscheinungsformen zu analysieren, um das Fortwirken der christlichen Signaturen des Antisemitismus in der Gegenwart nachzuweisen und gleichzeitig die vielfach praktizierte Engführung auf den Nationalsozialismus aufzubrechen.

Im Teilprojekt „Transformationen christlicher Judenfeindschaft“ an der Freien Universität Berlin wird die Rezeption und Vulgarisierung christlicher Motive in theologischen und kirchlichen Diskursen des 19. Jahrhunderts untersucht. Parallel dazu werden in dem zeithistorisch angelegten Projekt „Christliche Elemente moderner Judenfeindschaft“ die Rezeptionen und Reaktionen auf den Kampf gegen Antisemitismus innerhalb der kirchlichen Bildungsarbeit nach der Shoah in beiden deutschen Staaten sowie im vereinten Deutschland und christliche Antisemitismen in nichtreligiösen Räumen analysiert. Eine weitere Studie widmet sich den religiös begründeten Vorurteilen gegenüber Jüdinnen, Juden und dem Judentum im katholischen und evangelischen Religionsunterricht sowie im Ethikunterricht und in den dazugehörigen Schulbüchern.

Am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut wurde dazu eine Monographie zu Konstruktionen des Verhältnisses Judentum-Christentum im Religions- und Ethikunterricht in Niedersachsen erarbeitet, die im Frühjahr 2025 erscheinen wird. 

Ergebnisse:

Im modernen Antisemitismus hat sich eine christliche Signatur erhalten, erneuert und reformuliert. Christlicher Antijudaismus und neuzeitlicher Antisemitismus greifen ineinander, ergänzen einander und interagieren miteinander. Antijüdische Narrative blieben im kirchlichen Denken wirksam und ermöglichten das Fortwirken antisemitischer Ressentiments, wobei sie zunehmend säkularisiert und von religiöser Begründung entkoppelt wurden.
Im 19. Jahrhundert trugen alte, über Jahrhunderte tradierte antijüdische Stereotype zur Ausdifferenzierung eines modernen antisemitischen Wissens und einer grassierenden Kultur des Antisemitismus in Politik, Gesellschaft, Theologie und Kirche bei. Ob in der BRD als moralisches Projekt oder in der DDR als subversive Praxis – der jüdisch-christliche Dialog nach der Shoah reagierte stärker auf den Antisemitismus der Anderen statt auf eigene theologische Verstrickungen. Dabei diente die Behauptung einer strikten Trennung von Antijudaismus und Antisemitismus vor allem zur Abwehr von Kritik von außen und zur Selbstentschuldung.

Die Analyse der Konstruktion von Selbst- und Judenbildern im schulischen Kontext hat zudem gezeigt, dass das Judentum in Schulbüchern und im Unterricht präsent ist aber gleichzeitig diskursiv marginalisiert wird. Gerade Religionsschulbücher beziehen sich (explizit und implizit) häufig auf das Judentum, doch wird das Verhältnis Christentum-Judentum selten näher bestimmt. Die Bildungspraxis ist in Bezug auf Antisemitismus sensibilisiert und sucht nach Möglichkeiten der Prävention bzw. des interreligiösen Miteinanders.

In öffentlichen Konferenzen konnte für die negative Bedeutung stereotyper Bilder vom Judentum für die christliche, kulturelle, politische und nationale Identität sensibilisiert werden. Die Fortbildungen erreichten Lehrkräfte, denen bislang eine kritische Reflexion über die historische Abgrenzung des Christentums vom Judentum wenig bekannt war. Im Dialog von Wissenschaft und Praxis (Lehrkräfte, Schulbuchverlage) konnten Desiderate wie die Zuspitzung von Studien-Curricula und das Verfassen von einschlägigen Handbüchern eruiert werden, die eine Vertiefung und Fortführung der Untersuchung unbedingt notwendig machen.

Publikationen

  • ChriSzA: Christian Staffa (Hrsg.): Christliche Signatur des zeitgenössischen Antisemitismus – Eine Bilanz. Fachtagung 1.-3. April 2025 =Epd-Dokumentation 31 (2025).

  • ChriSzA: Klaus Holz: Analyse und Prävention des Antisemitismus in Deutschland , Gütersloh 2025, S. 28. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/analyse-und-praevention-des-antisemitismus-in-deutschland .

  • ChriSzA: Sara Han: Von der Negation zur Anerkennung? Eine antisemitismuskritische Perspektive auf die Kirchen, in: Joachim Willems/Ariane Dihle: Inventur. Schulbücher jüdisch-christlich bedenken. Antisemitismuskritische Perspektiven auf religionspädagogische Bildungsmedien, Weinheim 2025.

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Kontakt

Prof. Dr. Rainer Kampling

Verbundkoordination
Freie Universität Berlin | Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg
Fabeckstraße 23-25
14195 Berlin

Prof. Dr. Eckhardt Fuchs

Verbundpartner
Leibniz-Institut für Bildungsmedien
Georg-Eckert-Institut
Freisestraße 1

38118 Braunschweig

Dr. habil. Klaus Holz

Verbundpartner
Evangelische Akademien in Deutschland e.V.
Auguststraße 80
10117 Berlin