Net Olam
Jewish Cemeteries Through the Lens of Antisemitism and Its Prevention

Der hebräische Begriff „Bet Olam“, Haus der Ewigkeit, bedeutet nach jüdischem Verständnis, dass die Grabstelle dem oder der Toten auf ewig gehört. Jüdische Begräbnisstätten sind also auf Dauer angelegt.
Die über 2.000 jüdischen Friedhöfe in Deutschland bilden ein reiches kulturelles und religiöses Erbe. In vielen Gemeinden ist der Friedhof oft die einzig sichtbare Erinnerung an die jüdische Geschichte des Ortes. Seit der Shoah sind sie Orte des individuellen und kollektiven Gedenkens jüdischer und nichtjüdischer Menschen. Dabei ist das zivilgesellschaftliche Bewusstsein und das Verantwortungsgefühl für die Bedeutung jüdischer Friedhöfe langsam entstanden. Einen großen Schub erfuhren sie jedoch 1988, im Zug des 50. Jahrestags der Pogromnacht, und sind seitdem vielerorts in großer Intensität vorhanden. Gleichzeitig bieten jüdische Friedhöfe aufgrund ihrer weiten Verbreitung wertvolle Möglichkeiten zur Vermittlung jüdischer Kultur und Geschichte an verschiedene Zielgruppen (v. a. Kinder, Jugendliche).

Zahlreiche Übergriffe zeigen jedoch, dass jüdische Friedhöfe verletzliche Orte sind, die sich oftmals symbolträchtig als Angriffe gegen die gesamte jüdische Bevölkerung richten. Obwohl jährlich etwa 40 Angriffe erfasst werden – die Dunkelziffer dürfte höher sein – sind Friedhofsschändungen bislang nur selten Gegenstand der Antisemitismusforschung geworden.

Ziel des Projektes war deshalb die Erforschung von Ausmaß, Erscheinungsformen, Hintergründen, Tätern und Folgen der Schändungen mit einem Schwerpunkt auf den Jahren seit 1945. Im Verlauf konnten mehr als 2.000 Schändungsfälle dokumentiert werden. Dabei zeigte sich eine große Heterogenität der Fälle: von eindeutig antisemitischen Straftaten, zumeist aus dem rechtsextremen Spektrum, über Fälle mit unklarem Hintergrund bis hin zu solchen, bei denen Antisemitismus nicht primäres Tatmotiv war. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Kontinuität und enorme Anzahl an Schändungen eine ungebrochene Kontinuität des Antisemitismus bis heute belegen. Ein erhöhtes Schändungsrisiko zeigt sich dabei an bestimmten Tagen, wie z.B. an Ostern oder am 9. November.

Als weiteres Projektergebnis ist festzuhalten, dass auch in der NS-Zeit die Zerstörungen jüdischer Friedhöfe viel gravierender waren als angenommen. Und diese Beschädigungen von damals wirken z.T. bis heute nach. Auch hier gilt es, mithilfe umfassender Recherchen, das Schändungsereignis und Ausmaß soweit wie möglich zu dokumentieren.

Auf dieser Grundlage der im Projekt erarbeiteten Erkenntnisse sollen sowohl Hinweise für Schutzkonzepte als auch Handreichungen zur besseren Einbeziehung jüdischer Friedhöfe in die Vermittlungsarbeit präsentiert werden. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Stärkung der bestehenden zahlreichen Initiativen zum Schutz und zur Erhaltung jüdischer Friedhöfe und der Aufbau eines nachhaltigen, breiten Kompetenznetzwerks.

Am 7. März 2024 wurde NET OLAM – Kompetenznetzwerk für den Schutz und die Erhaltung jüdischer Friedhöfe gegründet. Zu den Mitgliedern gehören Interessierte und Engagierte, lokale Initiativen, Vertreter:innen von Schulen, Kirchen, Politik, Forschung, Denkmalpflege, Kommunalverwaltung, jüdischen Gemeinden und jüdischen Landesverbänden, den Antisemitismusbeauftragten der Länder und viele mehr. Im März 2025 zählte das Netzwerk bereits über 180 Mitglieder. Das Netzwerk ist offen und dient vor allem dem Austausch der Ehrenamtlichen untereinander, mit jüdischen Gemeinden und Landesverbänden bzw. Behörden, Wissenschaft etc. Ziel ist das gegenseitige Empowerment und die Schaffung von Synergieeffekten aus den verschiedenen Expertisen. Neben einem Newsletter und vierteljährlichen digitalen Treffen findet jährlich eine Sitzung in Präsenz zu wechselnden Themen statt.

Auf der Webseite „Map Olam“ kann die Schändungshistorie jüdischer Friedhöfe in Deutschland seit der Shoah eingesehen werden. Interessierte können sich die Schändungsereignisse auf einer Karte oder in einem Katalog anzeigen lassen und bei Bedarf nach verschiedenen Kriterien (Zeitraum, Art von Schändung, Motiv, Bundesland, Ort) filtern.  

Mit über 2.000 dokumentierten Fällen ist es der bislang umfassendste Datensatz zu Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland seit 1945.

  • Rowena Gommans, M.A. (Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen)
  • Helge-Fabien Hertz, Dr. (Verbundkoordinator ab 07/2023, Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen)
  • Anna Martin (Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen)
  • Nathanja Hüttenmeister (Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen)
  • Maria Slobodjanik (Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen)
  • Ulrich Knufinke, PD Dr.-Ing. (TU Braunschweig/Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa)
  • Ulrike Fauerbach, Prof. Dr. (TU Braunschweig/Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa)
  • Katrin Keßler, Dr.-Ing. (TU Braunschweig/Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa)
  • Thomas Gunzelmann, Dr. (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege/FB Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern)
  • Elisabeth Singer-Brehm, M.A. (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege/FB Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern)
  • Susanne Klemm , M.A. (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege/FB Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern)

Publikationen

  • Net Olam: Helge-Fabien Hertz/Katrin Keßler: Das Kompetenznetzwerk NET OLAM , in: Helge-Fabien Hertz/Katrin Keßler (Hrsg.): Zwischen Gefährdung, Gedenken und Vermittlungsarbeit. Jüdische Friedhöfe nach der Shoah, Petersberg 2025, S. 266–271 .

  • Net Olam: Helge-Fabien Hertz/Katrin Keßler (Hrsg.): Zwischen Gefährdung, Gedenken und Vermittlungsarbeit. Jüdische Friedhöfe nach der Shoah: Zum schändlichen Umgang mit dem jüdischen Friedhof in Westerrönfeld , in: Helge-Fabien Hertz, Petersberg 2025, S. 87–89 .

  • Net Olam: Helge-Fabien Hertz: „Schändungen: keine“ – Adolf Diamants Nachlass als Zeugnis des Desinteresses deutscher Kommunalverwaltungen an jüdischen Friedhöfen Ende der 1970er Jahre, in: Helge-Fabien Hertz/Katrin Keßler (Hrsg.): Zwischen Gefährdung, Gedenken und Vermittlungsarbeit. Jüdische Friedhöfe nach der Shoah., Petersberg 2025, S. 35–54 .

Alle Publikationen

Kontakt

Dr. Cordula Lissner

Verbundkoordination
Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte
Universität Duisburg-Essen
Edmund-Körner-Platz 2

45127 Essen

Harald Lordick

Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte
Universität Duisburg-Essen
Edmund-Körner-Platz 2

45127 Essen

PD Dr.-Ing. Ulrich Knufinke

Verbundpartner
Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa
Pockelsstr. 4
38106 Braunschweig

Dr. Markus Ullrich

Verbundpartner
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Schloss Seehof
96117 Memmelsdorf