REACT – Jüdische Re-Aktionen auf Antisemitismus in Bildungsinstitutionen
Projektbeschreibung
Das interdisziplinäre Verbundvorhaben untersucht die Reaktionen von Jüdinnen und Juden als Betroffene von Antisemitismus sowie die Bedingungen und Einschränkungen ihrer Partizipation in Bildungsinstitutionen, mit dem Ziel, Antisemitismus in institutionellen Bildungskontexten entgegenzuwirken und jüdische Teilhabe zu fördern.
In vier Teilprojekten werden (1) Jüdinnen und Juden als sichtbare Akteur:innen untersucht, die sich als Schüler:innen, Studierende und Lehrende gegen Antisemitismus artikulieren und organisieren; (2) Bildungseinrichtungen selbst beforscht, zum einen in Hinblick auf institutionelle Praktiken, Wissensbestände und Normen, die Antisemitismus herstellen und aufrechterhalten; und (3) zum anderen institutioneller Antisemitismus in seiner Wirkung als transgenerationale und biografische Erfahrungskategorie im Lebenslauf von Jüdinnen und Juden; sowie (4) Hochschulen als (Aus-)Bildungseinrichtungen daraufhin untersucht, wie jüdische und antisemitismuskritische Bildung in der universitären Lehramtsausbildung religionsbezogener Fächer entwickelt und verankert werden kann. Die Forschungsergebnisse sollen in die evidenzbasierte Entwicklung von Konzepten für eine inklusive und antisemitismuskritische Bildung, Didaktik der Lehre sowie Organisationskultur einfließen, die in Bildungsinstitutionen, die jüdische Bildung sowie in die Jugendarbeit getragen werden.
TP 1: Jüdische Akteur:innen
Das Teilprojekt REACT jüdische Akteur:innen untersucht im institutionellen Feld der Schule und Hochschule Prozesse der Selbstorganisation und Artikulation von Jüdinnen und Juden. Gefragt wird danach, wie sie in ihren jeweiligen Rollen und Funktionen, nämlich als Schüler:innen, Studierende und (Hochschul-)Lehrende zu Akteur:innen werden, die sich – teilweise bereits vor und teilweise nach dem 7. Oktober – gegen Antisemitismus positioniert haben. Das Projekt untersucht sowohl lokal als auch überregional tätige jüdische Akteur:innen, Gruppen, Initiativen und Organisationen in Hinblick auf ihre individuellen und kollektiven Motive, Handlungs- und Deutungsmuster, ihre Gruppenbildungs- und Mobilisierungsprozesse sowie ihre Netzwerke und Ressourcen. Das Forschungsvorhaben nimmt zum einen Bezug auf das nachhaltige migrationsbedingte demographische Wachstum der jüdischen Minderheit seit den 1990er Jahren und den damit verbundenen religiösen, kulturellen und sozialen Differenzierungen und fragt zum anderen nach dem Spannungsverhältnis von Partikularität, Teilhabe und Zugehörigkeit von Jüdinnen und Juden im gegenwärtigen Deutschland.
TP 2: Institutioneller Antisemitismus
Das Teilprojekt „Institutioneller Antisemitismus“ untersucht aus einer praxeologischen Perspektive den Umgang mit Antisemitismus in ausgewählten Organisationen der frühkindlichen und schulischen Bildung sowie an Hochschulen. In diesem Teilprojekt bildet die Frage nach den institutionellen Praktiken des Umgangs mit Antisemitismus den Forschungsgegenstand, wobei jüdische und nichtjüdische Personen als Adressat:innen, Mitarbeitende sowie als Fach- und Leitungskräfte von öffentlichen Bildungsinstitutionen adressiert. Das Erkenntnisinteresse des Projekts betrifft institutionenspezifische Routinen, Praktiken, Wissensbestände, Narrative und Dynamiken in der Aushandlung von Antisemitismus. Das Teilprojekt analysiert, wie in institutionellen Praktiken antisemitische Wissensbestände vollzogen werden und an welchen Verständnissen und Deutungen von Antisemitismus die Interventionen in institutionellen Bildungskontexten ausgerichtet werden. Methodisch sollen multiperspektivische Fallstudien in ausgewählten Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen durchgeführt werden. Das Teilprojekt zielt neben der Generierung empirischer Befunde auf eine Theoretisierung der Analysekategorie des institutionellen Antisemitismus ab.
Teilprojekt 3 „Antisemitismus im Lebenslauf“ erforscht lebensgeschichtliche Erfahrungen mit Antisemitismus in institutionellen Kontexten und deren Wirkungen auf Lebensgestaltung und Zukunftsperspektiven. Komplementär zu TP 2 „Institutioneller Antisemitismus“ werden lebensgeschichtliche Antisemitismuserfahrungen in jüdischen Biografien untersucht und nach Wirkungen institutionellen Antisemitismus aus lebensgeschichtlicher und transgenerationaler Perspektive gefragt. Ziel ist, mit qualitativen Methoden Daten zu erheben, auszuwerten und Konzepte zu entwickeln, die Jüdinnen:Juden Partizipation in Bildungseinrichtungen ermöglichen und Institutionen darin unterstützen, Schutz vor Diskriminierung auszubauen.
Das Teilprojekt "Antisemitismuskritische Hochschulbildung" untersucht, wie jüdische und antisemitismuskritische Bildung in der universitären Lehramtsausbildung religionsbezogener Fächer entwickelt und verankert werden kann. Ausgehend vom wichtigen Befund aus dem schulischen Kontext, dass Lehrkräfte antisemitische Stereotype, Vorurteile oder Ressentiments teilweise nicht wahrnehmen, de-thematisieren oder (re-)produzieren, untersucht das Teilprojekt an ausgewählten Universitätsstandorten die Ausbildung von Lehrkräften religionsbezogener Studiengänge. Es wird vergleichend analysiert, inwieweit Judentum, jüdische Gegenwart sowie Antisemitismus vor dem Hintergrund rechtlicher und bildungspolitischer Rahmenbedingungen (Kontextanalyse) in den Lehrplänen und der Lehrpraxis (nicht) berücksichtigt werden (Status Quo- und Bedarfsanalyse) und welche Ansätze bestehen und sich entwickeln lassen (Handlungs- und Transferwissen), die – mit Einbeziehung jüdischer Perspektiven – darauf hinwirken, dass in der Lehramtsausbildung die Wissensvermittlung zu historischen wie gegenwärtigen Formen des Antisemitismus sowie zum Umgang mit Antisemitismus gestärkt werden kann.
- Dr. Karen Körber (Institut für die Geschichte der deutschen Juden)
- Susanna Kunze, M.A. (Institut für die Geschichte der deutschen Juden)
- Dr. Anna Körs (Uni Hamburg, Akademie der Weltreligionen)
- Dr. Christine Chiriac (Uni Hamburg, Akademie der Weltreligionen)
- Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (Universität Tübingen, Institut für Rechtsextremismusforschung)
- Dr. Hanne Balzer (Universität Tübingen, Institut für Rechtsextremismusforschung)
- Marina Chernivsky (Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung)
- Sophia Hoppe (Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung)
Kontakt
Dr. Karen Körber
Institut für die Geschichte der deutschen Juden
Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai
Universität Tübingen, Institut für Rechtsextremismusforschung
Marina Chernivsky
Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS)
Dr. Anna Körs
Universität Hamburg, Akademie der Weltreligionen