Unlearning Antisemitism
Jüdische Erzählungen in der deutschen Gesellschaft

Projektbeschreibung

In Fokus des Verbundprojektes steht die Darstellung und Vermittlung von Jüd:innen in videografierten Interviews. Zeitzeugenschaft ist in der Holocaust-Education zentraler Bestandteil. Tiefenbohrungen zu Einsatz und Wirkung von Oral History in der Antisemitismusprävention gibt es hingegen wenige und auch fehlen andere jüdische Perspektiven der letzten Jahrzehnte im öffentlichen Diskurs.

Ziele unseres Vorhabens sind die stillschweigend vorausgesetzte Wirkung und den Einsatz in der Antisemitismusprävention von aufgezeichneten jüdischen Erzählungen kritisch zu hinterfragen um daraus gewonnene Erkenntnisse auf im Projekt neu zu entwickelnde Lehrmaterialien anwenden zu können. Weiteres Ziel ist es, Seminarkonzepte zur Anwendung videografierter Interviews von Jüd*innen und Juden in Deutschland in der Fachdidaktik zu entwickeln und zu erproben.

Zentrale Fragen des Projekts sind: Wie veränderte sich die Debatte um historischen und aktuellen Antisemitismus angesichts des Oral History Turns? Wie kann die Quelle „videografiertes Interview“ als geeignetes Vermittlungsformat im Schulunterricht Breitenwirkung erlangen und wie wurde sie bisher von der Geschichtsdidaktik begleitet? Können neue Ansätze in der Vermittlung von Intersektionalität jüdischer Biografien dazu beitragen, jüdische Geschichte und jüdischen Leben in der postmigrantischen Gesellschaft zu mehr Akzeptanz zu verhelfen?

Im Projekt soll die Bedeutung und Wirkweise von videografierter Zeitzeugenschaft in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft und Geschichtswissenschaft der ersten 20 Jahre der neuen Bundesrepublik ab 1990 auf der Bildungsebene und im fachlichen Diskurs untersucht werden. Übergeordnet steht die Forschungsfrage, inwieweit und wie Versuche, Zeitzeug*inneninterviews mit Shoah-Überlebenden präventiv gegen postnationalsozialistischen Antisemitismus einzusetzen, von den Fachdisziplinen bzw. der Fachdidaktik begleitet wurden. Hierzu werden historische Tiefenbohrungen an fachdidaktischen Lehrstühlen/Zeitzeug*innenprojekten mit Bildungskonzept an vier Universitäten vorgenommen.

Angesichts der Schuldabwehr und Schlussstrich-Debatte als Symptom des Fortbestehens nationalsozialistischen Gedankenguts in der deutschen Gesellschaft, der Zunahme von Fake-News und einem rechtsextremen Milieu, das seit den 1980er Jahren eine identitätsstiftende Erzählung gegen die faktische Quellenlage entwickelt, braucht es Gegenstrategien. Das Projekt wird daher neben der Grundlagenforschung auch das Handwerkzeug zur Quellenkritik liefern für die praktische Umsetzung der Nutzung vorhandenen Videomaterials in der Lehrer*innenaus- und weiterbildung. 

Als Oral History Projekt im klassischen Sinn stehen neu zu führende Interviews aus zwei Zeitabschnitten im Zentrum: 1. Jüdische Geschichte in der DDR und 2. jüdische Perspektiven in der neuen Bundesrepublik ab 1990. Jüdische Geschichte in der DDR ist weit davon entfernt, einen integralen Bestandteil deutscher oder europäischer Geschichte darzustellen. Gleichzeitig eröffnet sich heute ein vielfach größeres Kaleidoskop an jüdischen Identitäten – so ist das zeitgenössische Judentum bspw. tiefgreifend von Migrationserfahrungen geprägt. Dies ist ein Anschlussfaktor an ein gutes Viertel aller Menschen, die in Deutschland leben.

Es wird ein Bildungsmodulpaket inklusive einer Social-Media-Kampagne entwickelt, das mithilfe von intersektionalen Biografien versucht, Gemeinsames mehr denn Trennendes mit den Lernenden in den Mittelpunkt zu rücken. Die Interviews richten sich an Schüler*innen, werden aber über Social Media der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich sein. Der unmittelbare Bildungstransfer erfolgt über Lehrkräfte, die in der Fachdidaktik der FU Berlin geschult werden. Gemeinsam mit dem Praxispartner und mit Beratung vom FBI entsteht ein Werkzeugkoffer mit Arbeitsmaterialien zur quellenkritischen Nutzung von Zeitzeugeninterviews im Unterricht.

  • Julia Kleinschmidt (Projektkoordination, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam)
  • N.N. (Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam)
  • Prof. Dr. Miriam Rürup (Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam)
  • Frauke Hagemann (AG Jugend und Bildung Wiesbaden)
  • Prof. Dr. Martin Lücke (Fachdidaktik Geschichte, Freie Universität Berlin)
  • Dr. Martin Liepach (Fritz Bauer Institut Frankfurt am Main)

Kontakt

Julia Kleinschmidt

Verbundkoordinatorin
Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien
Am Neuen Markt 8
14467 Potsdam

Prof. Dr. Miriam Rürup

Projektleitung
Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien
Am Neuen Markt 8
14467 Potsdam