Das Objekt zum Subjekt machen
Jüdische Alltagskultur in Deutschland vermitteln
Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland hat paradoxerweise zu einer Engführung jüdischer Geschichte auf einen vermeintlich ausschließlichen Erfahrungszusammenhang von Verfolgung, Antisemitismus und Holocaust geführt. Die Gegenwart und Pluralität jüdischen Lebens in Deutschland und Europa finden dagegen nur wenig Eingang in die Lehrpläne. Selbst innerhalb von Berufsgruppen, die mit der Problematisierung oder Ahndung von Antisemitismen betraut sind (wie etwa pädagogische Fachkräfte in Kindergärten, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen, aber auch Mitarbeitende von Polizei und Justiz) liegen starke Wissensdefizite über jüdische Geschichte und Kultur vor oder werden durch Bildungsmaterialien, die bisweilen selbst Vorurteile transportieren, befördert.
Das Verbundvorhaben beabsichtigte deshalb keine Erforschung der Geschichte des Antisemitismus im engeren Sinne, sondern setzte auf Bildung und Wissensvermittlung im Bereich jüdischer Geschichte, Kultur und Religion. Es ging davon aus, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland zu einer Engführung jüdischer Geschichte auf einen vermeintlich ausschließlichen Erfahrungszusammenhang von Verfolgung, Antisemitismus und Holocaust geführt hat, hinter dem die Pluralität jüdischen Lebens zurücktritt. Damit einher geht ein fragmentiertes oder vermindertes Wissen über die religiöse und lebensweltliche Praxis von Jüdinnen und Juden – ein Defizit, das durch mangelnde Begegnungen im Alltag verstärkt wird.
Ziel des Verbundvorhabens war es, kulturgeschichtliche Grundlagenforschung mit anwendungsorientierter Schulbuchforschung zu verbinden und die Ergebnisse praxisbezogen für den Unterricht und die historisch-politische Bildungsarbeit aufzubereiten. Konkret wurden Grundkenntnisse sowohl über religiöse Praktiken als auch über den Wandel der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland vermittelt. Zugleich wurde untersucht, inwieweit Materialien des Schulunterrichts oder der politisch-historischen Bildung Fehlwahrnehmungen transportieren und reproduzieren. Die Ergebnisse mündeten in der Konzeption neuer Unterrichtsmaterialien, Handreichungen sowie Fortbildungen.
Am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut wurde eine Studie zur Darstellung des Holocaust, des Staates Israel und des modernen Judentums in Geschichtsschulbüchern und -magazinen der Jahre 1965 bis 1984 erarbeitet, die als Monographie voraussichtlich im Frühjahr 2025 erscheinen wird.
Im Teilprojekt 1 wurden zwei religions- und kulturgeschichtliche Fallstudien mit Grundlagencharakter erarbeitet. Unter dem Titel „Ausgeschlagenes Erbe“ (2025) dokumentiert und analysiert Philipp Graf die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR.
Itamar Ben Ami wiederum beschreibt in „Verhandlungen von Sichtbarkeit“ (erscheint im Frühjahr 2026) eine Kulturgeschichte des Kippa-Tragens.
Das Teilprojekt 2 ist der Schulbuchforschung gewidmet. Matthias Springborn untersuchte die Darstellung jüdischer Geschichte, Kultur und Religion in Schulbüchern und Geschichtsmagazinen. Ergänzt wurden die Ergebnisse am Georg-Eckert-Institut durch Best-Practice-Empfehlungen für Schulbuchautor:innen.
Die Erkenntnisse aus den Teilprojekten flossen in die Erarbeitung von drei Themenheften für den Schulunterricht (ab Klasse 7) und die Erwachsenenbildung ein. Themenheft 1 befasst sich mit den jüdischen religiösen Traditionen wie Jahreslauf, Speisegesetze, Schächten und Beschneidung (2023). Das zweite Themenheft ist der Sichtbarkeit jüdischen Lebens gewidmet und nimmt die Themen Kippa, Architektur, Gesellschaft und Gemeinden in den Fokus (2024). Themenheft 3 stellt die jüdische Begräbniskultur in den Mittelpunkt und befasst sich mit Tod, Friedhöfen, Schändungen und Gedenken (2025). Ergänzt werden die Themenhefte durch Materialien auf der Webseite alltagskultur.dubnow.de und durch didaktische Hinweise für den Schulunterricht und einen Methodenkoffer für die Erwachsenenbildung.
Bereits während der Projektlaufzeit wurden Fortbildungen für Multiplikator:innen aus dem Bereich der schulischen und historisch-politischen Bildung angeboten und die Themenhefte auf der didacta-Bildungsmesse in Köln und der Leipziger Buchmesse präsentiert.
- Yfaat Weiss, Prof. Dr. (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow)
- Philipp Graf, PD Dr. (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow)
- Dirk Sadowski, Dr. (Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut)
- Matthias Springborn, Dr. (Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut)
Veranstaltungen
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15. Mai 24
18:15 - 19:45Vortrag
Nach Jerusalem. Einschreibungen in der Zeit (Carlebach-Lecture)
Universität Hamburg | Warburg-Haus
Publikationen
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Alltagskultur: Themenheft 3: Jüdische Begräbniskultur. Tod – Friedhöfe – Schändungen – Gedenken, Leipzig 2025.
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Alltagskultur: Matthias Springborn: Vom Lernen zwischen gepackten Koffern zur Bildung mit staatlicher Anbindung. Jüdischer Religionsunterricht in Deutschland seit der Schoah, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik (2024), Volume 8, Issue 2, S. 509-531 .
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Alltagskultur: Philipp Graf und Alexander Weidle: Das Objekt zum Subjekt machen. Jüdische Alltagskultur in Deutschland vermitteln, in: Politikum 4/2024, S. 72-77 .
Kontakt
Prof. Dr. Yfaat Weiss
Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow
PD Dr. Philipp Graf
Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow
Dr. Dirk Sadowski
Leibniz-Institut für Bildungsmedien