Antisemitismus in pädagogischen Kontexten
Religiös codierte Differenzkonstruktionen in der frühen und mittleren Kindheit

Das Verbundvorhaben rekonstruierte religiöse Differenzkonstruktionen von Kindern im Vor- und Grundschulalter, um empirisch antisemitische Haltungen in ihrer Entstehung zu erfassen, zu verstehen und ihnen frühzeitig entgegenzuwirken. In drei unterschiedlichen pädagogischen Kontexten standen dabei die Perspektiven und Praktiken der Kinder in situ und in actu, das Erleben jüdischer Kinder und Eltern und die Wahrnehmung der beteiligten Pädagog:innen und Lehrkräfte im Mittelpunkt der Untersuchung.

Das Teilprojekt „Differenzkonstruktionen in Kindertagesstätten“ zielte darauf ab zu erforschen, wie junge Kinder im Vor- und Grundschulalter (5- bis 10-Jährige) in ihrer alltäglichen sozialen Praxis Unterscheidungen nach Religion, nach phänotypischen Merkmalen wie Hautfarbe und nach sprachlicher, kultureller oder nationaler Differenz anwenden. Neben teilnehmenden Beobachtungen wurden videogestützte Gruppengespräche mit Kindern und leitfadengestützte Interviews mit pädagogischen Fachkräften, Kitaleitungen und Eltern durchgeführt. Die Auswertung der Daten erfolgte auf Grundlage der Grounded Theory Methodologie.

Während der Feldphase hat sich in den Kindertagesstätten gezeigt, dass bereits junge Kinder Jüdinnen und Juden als solche identifizieren und in einzelnen Fällen mit Begriffen beschreiben, die antisemitischen Wissensordnungen entstammen. Von Seiten der Erwachsenen wird Antisemitismus in Kindertagesstätten einerseits durch eine Dethematisierung unsichtbar gemacht. Andererseits findet eine Externalisierung von Antisemitismus statt. So wird Judenfeindschaft der ‚Erwachsenenwelt‘ und einem als ‚muslimisch‘ markierten Milieu zugeschrieben.

Ziel des Teilprojektes „Differenzkonstruktionen in jüdischen Schulen“ ist die Erforschung und Stärkung von schulisch vermittelter jüdischer Bildung und Erziehung als integraler Bestandteil des öffentlichen Schul- und Bildungssystems in Deutschland. An drei Standorten wurden Expert:innen-Interviews mit Lehrkräften und Schulleitungen sowie leitfadengestützte Interviews mit jüdischen und nichtjüdischen Eltern und Schüler:innen erhoben und mit Hilfe von MaxQDA in Anlehnung an die Grounded Theory codiert und ausgewertet.

Aus der Perspektive jüdischer Eltern und Kinder bieten jüdische Schulen einen „safe space“, der 1. vor Antisemitismus schützt und 2. die Möglichkeit bietet, sich als Angehörige einer religiös und kulturell heterogenen Gruppe wahrzunehmen und daraus ein Selbstbewusstsein als junge Jüdinnen und Juden zu entwickeln. Da eine große Zahl an Schüler:innen aus säkularisierten Familien kommt, übernehmen jüdische Schulen eine zentrale Funktion als sekundäre Sozialisationsinstanz, die Wissen über jüdische Geschichte, Religion und Tradition vermittelt und in die Praxis der Fest- und Feiertage einführt.

Das dritte Teilprojekt „Differenzkonstruktionen im Religionsunterricht“ analysierte religiöse Unterscheidungspraktiken von Kindern im Religionsunterricht an staatlichen Schulen am Beispiel des Hamburger „Religionsunterrichts für alle“. Dazu wurde die Praxis des Religionsunterrichts in Grundschulklassen in mehrwöchigen Feldphasen teilnehmend beobachtet, und es wurden Expert:innen-Interviews mit den Lehrkräften und Gruppendiskussionen mit den Schüler:innen der beobachteten Klassen geführt. Die Daten wurden anschließend mit Hilfe von MaxQDA und in Anlehnung an die Grounded Theory in einem mehrstufigen Verfahren codiert und ausgewertet.

In den Unterrichtsbeobachtungen, den Interviews mit Lehrkräften und Gruppendiskussionen mit Schüler:innen konnten Differenzkonstruktionen nicht nur anhand von Religion, sondern auch anhand von Merkmalen wie Herkunft, Hautfarbe und Leistung festgestellt werden. Außerdem wurden neben der sehr unterschiedlichen Gestaltung des Religionsunterrichts verschiedene Varianten der Thematisierung des Judentums und der Behandlung des Holocaust herausgearbeitet.

Presse
  • Karen Körber: Podcast "Radio Marc Bloch - Der podcast des Centre Marc Bloch"  Beitrag zur Konferenz „Die Demokratie unter Druck: Europa im Angesicht von Antisemitismus und Rassismus“, Schloss Genshagen am 17./18. Oktober 2024. https://cmb.hu-berlin.de/zentrum/podcast
  • Anna Körs: Interview zur Sendung Schabat Schalom zum Thema „Besondere Aufgabe für Religionslehrkräfte: Die Vermittlung des Judentums“ und der Ringvorlesung „Jüdische und antisemitismuskritische Bildung in der Religionslehrkräfteausbildung“ an der Akademie der Weltreligionen der UHH, 15.11.2024, NDR Info

Publikationen

  • RelcoDiff: Janne Braband/Saba-Nur Cheema/Yasmine Goldhorn/Karen Körber/Anna Körs/Susanna Kunze/Benjamin Rensch-Kruse (Hrsg.): Antisemitismus in der Kindheit Differenzkonstruktionen in pädagogischen Kontexten, Bielefeld 2025; https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7271-8/antisemitismus-in-der-kindheit/ (Open Access).

  • RelcoDiff: Susanna Kunze: Jüdische Schulen in der postmigrantischen Gesellschaft , in: Medaon 19 (2025), 36, https://www.medaon.de/de/artikel/juedische-schulen-in-der-postmigrantischen-gesellschaft/.

  • RelcoDiff: Karen Körber/Susanna Kunze: Jüdische Schulbildung im 21. Jahrhundert – Neue Perspektiven auf Frankfurt am Main und Hamburg, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik (2024), Volume 8, Issue 2, S. 557-580 .

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Kontakt

Dr. Benjamin Rensch-Kruse

Projektkoordination
Goethe-Universität Frankfurt am Main
FB Erziehungswissenschaften
Theodor-W.-Adorno-Platz 6

60323 Frankfurt am Main

Dr. Karen Körber

Verbundpartnerin
Institut für die Geschichte der deutschen Juden
Beim Schlump 83
20144 Hamburg

Dr. Anna Körs

Verbundpartnerin
Akademie der Weltreligionen
Universität Hamburg
Gorch-Fock-Wall 7

20354 Hamburg