Fachtag diskutiert Verflechtungen von Antisemitismus und Rassismus

Der Fachtag „Verflechtungen von Antisemitismus und Rassismus – Rassifizierungsprozesse jenseits der ,color line‘“ widmete sich aus philosophischer, historischer, sozialwissenschaftlicher und empirischer Perspektive der Frage, wie sich Antisemitismus und unterschiedliche Formen von Rassismus zueinander verhalten und welche theoretischen Konzepte geeignet sind, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu beschreiben.

Der Fachtag wurde von den beiden BMFTR- Forschungsnetzwerken „Wissensnetzwerk Rassismusforschung“ (WinRa) und „Forschungsnetzwerk Antisemitismus im 21. Jahrhundert“ (FonA21) in Zusammenarbeit mit dem ersten Fellow der beiden Netzwerke, dem Philosophen Dr. Daniel James, konzipiert und am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin ausgerichtet.

Den Auftakt bildete Adam Hochman (Macquarie University Sidney, Australien), der anhand der Geschichte jüdischer Gemeinschaften die These entwickelte, dass nicht von biologisch oder sozial bestehenden „Rassen“, sondern von Prozessen der Rassifizierung gesprochen werden sollte. Er argumentierte, dass die Rassifizierung von Jüdinnen und Juden keine neue soziale Kategorie hervorbrachte, sondern eine veränderte Form der Zuschreibung und Identitätskonstruktion darstellt. Initial dieser Entwicklung seien die spanischen Blutreinheitsgesetze des 15. Jahrhunderts, die eine biologisch argumentierte Ausgrenzung insbesondere der bereits zum Christentum konvertierten Jüdinnen und Juden ermöglichte.

Daniel James griff mit dem Konzept der „Off-Whiteness“ die prekäre gesellschaftliche Position europäischer Jüdinnen und Juden auf. Anknüpfend an W. E. B. Du Bois, Charles Mills und Lawrence Blum beschrieb er jüdische Zugehörigkeit als bedingt und jederzeit widerrufbar und eröffnete damit eine phänomenologische Perspektive auf das Verhältnis von Antisemitismus und antischwarzem Rassismus. Das Konzept der Rassifizierung erlaube eine differenzierte Zuschreibung, die im Spannungsverhältnis von „gut genug“ und „nicht gut genug“ die prekäre Situation belege.

Darja Klingenberg (Europa-Universität Viadrina Frankfurt [Oder]) rückte die Erfahrungen russisch- und ukrainischsprachiger jüdischer Migrant:innen in Deutschland in den Mittelpunkt und zeigte anhand empirischer Forschung die Überschneidungen von Antisemitismus und osteuropabezogenem Rassismus auf. Sie plädierte dafür, die Analyse beider Phänomene stärker miteinander zu verschränken und die Erfahrungen rassifizierter jüdischer Menschen systematisch in die Forschung einzubeziehen. 

Urs Lindner (Universität Essen-Duisburg) hinterfragte anschließend die verbreitete Annahme, moderner Antisemitismus sei primär als Ethnisierung zu verstehen. Stattdessen schlug er einen erweiterten Begriff der Rassifizierung vor, der historische und gegenwärtige Erscheinungsformen des Antisemitismus besser erfassen könne und zugleich die Verbindung zu anderen Formen rassistischer Hierarchisierung verdeutliche.

Mit seinem Vortrag zu Theodor W. Adorno zeigte Jonathon Catlin (University of Rochester) schließlich, dass Adornos kategorischer Imperativ nicht ausschließlich auf die Shoah bezogen werden könne, sondern als universelle Warnung vor unterschiedlichen Formen rassifizierter Gewalt verstanden werden sollte. Ausgehend von Adornos Überlegungen entwickelte er eine multidirektionale Lesart, die den Holocaust mit anderen historischen Gewaltverbrechen in Beziehung setzt, ohne dessen Besonderheit aufzugeben.

Den Abschluss bildete ein Podium zu Perspektiven der Erinnerungsarbeit und politischen Bildung mit Angelika Laumer (EZRA – Rassismus und Antisemitismus erinnern, KU Eichstätt-Ingolstadt) und Iven Saadi (as_ra – intersektional gegen Rassismus und Antisemitismus, BildungsBausteine e.V.) Im Mittelpunkt standen die praktischen Konsequenzen der zuvor diskutierten theoretischen Ansätze sowie die Frage, wie Antisemitismus und Rassismus in Bildungs- und Erinnerungsarbeit gemeinsam thematisiert werden können, ohne ihre jeweiligen Spezifika zu nivellieren. Die Diskussion verdeutlichte die Notwendigkeit interdisziplinärer und intersektionaler Zugänge, um gegenwärtige Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung angemessen zu analysieren und ihnen in Wissenschaft, Bildung und Zivilgesellschaft wirksam zu begegnen.