Tagungsbericht: Antisemitismus als Gegenstand des europäischen Schulunterrichts - Forschung und aktuelle Unterrichtspraxis

Bericht vom Auftakt-Workshop des Verbundprojektes AIES in Düsseldorf, 05.-07.05.2022

Vom 5. bis 7. Mai 2022 fand im Heine Literaturhaus und im Haus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Ursula Hennigfeld und PD Dr. Jutta Weiser der Auftakt-Workshop des BMBF-Verbundprojekts „Antisemitismus im europäischen Schulunterricht“ (AIES) statt. Das von Prof. Dr. Ursula Hennigfeld (Romanistik, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Marco Thomas Bosshard (Romanistik, Europa-Universität Flensburg) und Prof. Dr. Iulia-Karin Patrut (Germanistik, Europa-Universität Flensburg) geleitete Forschungsprojekt untersucht die Erscheinungsformen und Dynamiken des historischen und aktuellen Antisemitismus aus transdisziplinärer und transnationaler Perspektive. Ziel ist die Entwicklung von mehrsprachigem digitalem Unterrichtsmaterial zur Antisemitismusprävention im Bildungsbereich und in der schulischen Praxis.

Der Auftakt-Workshop vernetzte Wissenschaftler:innen und Lehrende aus unterschiedlichen Fachbereichen, auch außeruniversitären Einrichtungen wie dem Fritz Bauer Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, dem European Forum der Hebrew University in Jerusalem, Museen, NS-Dokumentationszentren und Schulen in Deutschland, Frankreich, Spanien und Rumänien.

Die Begrüßung fand im Heine Literaturhaus in der Düsseldorfer Altstadt statt. Die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kennzeichnete den Antisemitismus als „Angriff auf die Menschenwürde und die Zivilgesellschaft“ und unterstrich die dringende Notwendigkeit von Handlungsempfehlungen und geeignetem Unterrichtsmaterial im Kampf gegen den Antisemitismus. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dr. Oded Horowitz, führte aus, dass im schulischen Bereich die Thematik oft umgangen werde und forderte, Antisemitismuskritik in die Lehrpläne zu integrieren. Auch der Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Dr. Bastian Fleermann, plädierte für einen „klaren und souveränen Umgang mit dem Thema Antisemitismus“. In ihrem Abendvortrag „On Numbers and Feelings: Antisemitism in Germany Today“ belegte Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin und des BMBF-Forschungsnetzwerks „Antisemitismus im 21. Jahrhundert“, den dringenden Handlungsbedarf mit aktuellen Statistiken zur Entwicklung rechtsextremistischer Einstellungen und antisemitistischer Straftaten in Deutschland. Damit enttarnte sie die immer noch weit verbreitete Annahme, Antisemitismus sei nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch präsent, als brisanten Trugschluss.

Am nächsten Tag sprach der Sozialwissenschaftler Dr. Christoph Wolf (Leibniz Universität Hannover) über die Reichweite der „curricularen Obdachlosigkeit“ des Antisemitismus im Politikunterricht. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebrew University Jerusalem analysierte Stereotype des Judentums in der visuellen und audiovisuellen Kultur vom NS-Propagandaplakat über den Spielfilm bis zum Tik-Tok-Video. Prof. Dr. Raanan Rein (Tel Aviv University) untersuchte die „Jewish-Christian Friendship Organization“ und die Bestrebungen der 1970er Jahre, den Antisemitismus aus den spanischen Schulbüchern zu tilgen. Auch Dr. Martin Liepach (Fritz Bauer Institut, Frankfurt a.M.) umriss die Problematik der Schulbücher, in denen antisemitischen Stereotypen durch eine fehlende Kontextualisierung von Illustrationen oder durch missverständliche Kapitelüberschriften häufig unbewusst Vorschub geleistet wird.

In 15-minütigen Impulsreferaten berichteten Lehrkräfte kooperierender Schulen aus ihrer Unterrichtspraxis, u.a. Miguel Suárez Staub aus Vigo (Galizien), Christian Klein von der Pestalozzisschule Idstein (Hessen) sowie Claus Olsen vom Beruflichen Bildungszentrum Schleswig (Schleswig-Holstein). Weitere Impulse gaben die Kurzvorträge von Kooperationspartner:innen, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und schulischer Praxis angesiedelt sind: Dr. Fabian Meinel vom Centre franco-allemand de Provence, Prof. Dr. Nicole Colin von der Aix-Marseille Université, Dr. Joachim Umlauf vom Goethe-Institut in Bukarest, Andreas Weinhold vom LVR-Zentrum für Medien und Bildung in Düsseldorf und Dr. Nike Thurn vom Deutschen Historischen Museum Berlin. Der Workshop endete mit einem gemeinsamen Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.

Einig waren sich alle Beteiligten über die strukturelle und curriculare ‚Heimatlosigkeit‘ des Themas Antisemitismus in den Kernlehrplänen: Das Thema findet im Geschichtsunterricht bislang ausschließlich im Kontext des Nationalsozialismus Berücksichtigung, eine Sensibilisierung für Antisemitismus als nach wie vor leider aktuelles Phänomen fehlt in den Lehrplänen. Dem gegenwärtigen jüdischen Leben in Europa wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt; vielmehr werden Jüdinnen und Juden immer noch als Opfer des Nationalsozialismus und der Shoah dargestellt. Dies kann sich nur dann ändern, wenn die Erinnerungskultur um aktuelle Antisemitismen und jüdisches Leben in Europa erweitert wird. Insgesamt diente der Workshop nicht nur einer ersten Bestandsaufnahme, sondern erfasste auch Desiderata und Handlungsmöglichkeiten.