„Tausend feine Risse“ – Forschungsbericht zu Judentum in der deutschen Alltagspresse erschienen

Dass Sprache eine scharfe Waffe ist, ist nicht erst seit den immer mehr um sich greifenden plakativen Hass- und Hetzkampagnen im Netz bekannt. Dass es schon die kleinen Nuancen sind, die selbst positiv gemeinte Würdigungen zu herabsetzenden Aussagen machen, hat das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung unter Leitung von Dr. Jobst Paul im Forschungsprojekt "‚Judentum‘ in der deutschen Alltagspresse. Diskursanalytische Folgerungen für die didaktische Praxis" untersucht.

Anhand von öffentlich zugänglichen Medienberichten im Zeitraum Januar bis März 2021 wurde die Darstellung von Jüdinnen/Juden und Judentum mittels kritischer Diskursanalyse erforscht. Der gewählte Zeitraum, in welchen sowohl der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust als auch die Eröffnung des Festjahres 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland lagen, bot ausreichend Anlass, um dem in der Sprache manifestierten Bild „der Juden“ nachzuspüren. In Form einer Medienanalyse wurden jene Strukturelemente im öffentlichen Diskurs ermittelt, die nach wie vor für das ‚Othering‘ verantwortlich sind, obwohl politische und mediale Debatten in großer Breite nunmehr den ‚Kampf gegen Antisemitismus‘ thematisieren.

„Insbesondere euphemistische Effekte werden deutlich“, so Jobst Paul. „Wenn zum Beispiel ein nicht-jüdischer Sprecher die ‚einmalige Chance‘ des Festjahrs 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland hervorhebt, um ‚jüdische Kultur in ihrer ganzen Vielseitigkeit und reichen Bedeutung zwischen Harz und Heide und Ems und Elbe zu erleben und zu zeigen, dass jüdisches Leben in unserem Land völlig selbstverständlich dazugehört.‘ Dem Sprecher fällt nicht auf, dass zwischen seinem Hinweis auf die ‚einmalige Chance‘ und seiner Behauptung, jüdische Kultur ‚in ihrer ganzen Vielseitigkeit und reichen Bedeutung‘ gehöre ‚völlig selbstverständlich‘ dazu, ein eklatanter Widerspruch besteht.“ Es sind diese Feinheiten, die das „Othering“ erzeugen und Juden und Jüdinnen aus der vermeintlichen Gemeinschaft absondern. 

Ein weiterer Befund zeigt, dass die jahrhundertelange christliche Vereinnahmung des Gebots der Nächstenliebe als quasi „ethische Enteignung“ des Judentums dieses bis in seine Ritualpraxis als sinnentleert und fremd erzählt und damit exotisiert. Das Absprechen ethischer Werte, wenngleich derzeit in der Alltagspresse nicht offen diskreditiert, aber auch nicht anerkannt, birgt die Gefahr der antisemitischen Reaktivierung, befürchtet Jobst Paul. „Es sind die tausend feinen Risse, die immer noch in der Sprache verankert sind und jederzeit aufbrechen können. Die Nicht-Sagbarkeit in Sagbarkeit zu verändern, d.h. die ethische Dimension des Judentums über Lehrpläne, Journalismus und im Kulturbereich zum selbstverständlichen Teil auch des nicht-jüdischen Mehrheitsdiskurses zu machen, erscheint daher die dringlichste Konsequenz.“ 

Der Überfall der Hamas auf Israel am 07. Oktober 2023 hat im Mediendiskurs ein großes Echo erhalten, so dass sich Jobst Paul entschlossen hat, mit Unterstützung des BMBF einen weiteren Quellenbestand für den Zeitraum 07.10.-07.12.2023 zu erheben, dessen Auswertung derzeit erfolgt.

Der Forschungsbericht ist hier zugänglich - https://www.diss-duisburg.de/forschungsnetzwerk-antisemitismus-april-2024/