ACHTUNG! Der Fachtag ist bereits ausgebucht und eine Anmeldung leider nicht mehr möglich!!!
Wie hängen Antisemitismus und Rassismus zusammen? Die Debatte bewegt sich oft zwischen zwei Polen: Entweder gilt Antisemitismus als kategorial verschieden von Rassismus oder als dessen spezifische Form. Diese Gegenüberstellung beruht jedoch häufig auf einer impliziten Annahme: Rassismus wird am Modell des antischwarzen
Rassismus und der „color line“ verstanden.
Dass diese Voraussetzung zu kurz greift, zeigte bereits der prominenteste Denker der „color line“: W. E. B. Du Bois. Während seines Studiums in Berlin begegnete er einem Antisemitismus, der sich seiner Kategorie der „color line“ entzog. Mit dem Begriff des „Schleiers“, der die unsichtbare Grenze der Ausgrenzung Schwarzer Menschen beschreibt, charakterisierte er Jüdinnen und Juden als „halb verschleiert“ – weder eindeutig diesseits noch jenseits dieser Grenze. 1952 rückte die „color line“ in seiner Analyse aus dem Zentrum: Sie bleibe zwar wirksam, aber nicht universell. Das „race problem“ verlaufe vielmehr „across lines of color and physique and belief and status“.
Entscheidend ist damit nicht allein die Hautfarbe, sondern die Praxis, Herkunft, Religion oder Kultur als quasi-natürliche Gruppendifferenz zu behandeln. „Rassifizierung” bezeichnet diesen Prozess, ohne vorauszusetzen, dass es „Rassen“ gibt. Er betrifft auch Gruppen, deren (ethno-)religiöse Zugehörigkeit als Abstammung gedeutet wird, etwa Jüdinnen und Juden oder Muslinnen und Muslime.
Damit verschiebt sich die Ausgangsfrage: Wie entstehen Rassifizierungen und welche historischen Verflechtungen bestehen zwischen ihnen? Reichen die Ursprünge von Rassismus nur in den europäischen Kolonialismus zurück oder auch in frühere Kontexte, etwa die spanischen Blutreinheitsgesetze des 15. Jahrhunderts? Und wie lassen sich Erfahrungen fassen, in denen Antisemitismus und Rassismus verschränkt auftreten, ohne analytisch zusammenzufallen?
So machen etwa Jüdinnen und Juden aus postsowjetischen Kontexten Erfahrungen, die sich nicht allein antisemitismustheoretisch fassen lassen, sondern auch rassismustheoretisch analysiert werden müssen. In der Praxis werden Antisemitismus und (andere Formen von) Rassismus jedoch häufig als konkurrierende Anliegen behandelt. Wie lässt sich dieser Konkurrenz begegnen: Brauchen wir für eine gemeinsame Praxis einen verbindenden Begriff oder gehen dabei spezifische Erkenntnisse verloren?
Der Fachtag lädt dazu ein, die Verflechtungen von Antisemitismus und Rassismus jenseits etablierter Kategorien zu analysieren – mit Blick auf eine Praxis, die Differenzierung und Solidarität verbindet.
Programm
09:00 Registrierung
09:30 Begrüßung und Eröffnung
09:45 Adam Hochman (Macquarie University, Sydney) (online) Englisch
What can Medieval Jewish history teach us about the nature of race and racism?
11:15 Daniel James (FoNA21/WinRa, Technische Universität Berlin)
Halb verschleiert: Off-Whiteness, Antisemitismus und Rassismus
12:00 Darja Klingenberg (Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder)
Antisemitismus und osteuropabezogener Rassismus – Empirisch geleitete Verhältnisbestimmungen
14:15 Urs Lindner (Universität Duisburg-Essen)
Rassifizierung, Ethnisierung und Antisemitismus
15:00 Jonathon Catlin (University of Rochester) (online) Englisch
„Nichts Ähnliches“: The Uses and Abuses of Adorno Today
16:00 Impulsvorträge mit Podium
Verflechtungen von Antisemitismus und Rassismus – Perspektiven der Erinnerungsarbeit und politischen Bildung
Karin Scherschel (EZRA – Rassismus und Antisemitismus erinnern, KU Eichstätt-Ingolstadt)
Iven Saadi (as_ra – intersektional gegen Rassismus und Antisemitismus, BildungsBausteine e.V.)
17:00 Abschlussdiskussion
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