Ein Thema zog sich dabei durch viele Gespräche: die Erfahrung eines zunehmenden Antisemitismus und die tiefgreifenden Folgen des 7. Oktober für die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Friederike Lorenz-Sinai und Marina Chernivsky nahmen in ihrem Vortrag die veränderten Erfahrungswelten jüdischer Menschen nach dem 7. Oktober in den Blick. Dabei wurde deutlich, dass auch öffentliche Diskurse und der gesellschaftliche Umgang mit Antisemitismus das Sicherheitsempfinden prägen. In anschließenden Workshops wurden Herausforderungen für die Beratungspraxis und in der Bildungsarbeit diskutiert.
Jüdische Gegenwart sollte jedoch nicht auf Antisemitismuserfahrungen reduziert werden. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten deshalb Migration und die Transformation jüdischen Lebens in Deutschland. Dani Kranz zeichnete in ihrem Vortrag die Geschichte israelischer Migration nach Deutschland seit 1948 nach und zeigte, wie vielfältig die Gründe für diese Migration waren und sind. Darja Klingenberg wiederum fragte, wie sich jüdische Migrationsgeschichten aus dem östlichen Europa im Verhältnis von Antisemitismus- und Rassismusforschung verstehen lassen.
Diese Vielstimmigkeit setzte sich in den Workshops und Vertiefungsseminaren fort. Von „Meet a Jew“ und einer kritischen Reflexion der Begegnungspädagogik über Beratung und jüdische Architektur bis hin zu Schulbüchern und filmischer Bildungsarbeit ging es um unterschiedliche Wege, jüdische Lebenswelten zu vermitteln und Begegnung zu ermöglichen.
Einen eigenen Schwerpunkt bildete die außerschulische Kinder-, Jugend- und Bildungsarbeit. Projekte wie Jewrovision, Hashomer Hatzair, MAKKABI, JEWLIF, der Ariella Verlag und „Dagesh on Tour“ zeigten, wie junge Jüdinnen und Juden eigene Räume schaffen, Gemeinschaft gestalten und ihre Geschichten selbst erzählen. Damit wurde zugleich deutlich, dass jüdische Bildungsarbeit weit über Antisemitismusprävention hinausgeht.
Besonders deutlich aber wurde die Vielfalt auf den beiden Podien. Unter der Frage „Ein neues Judentum in Deutschland?“ kamen am ersten Tag Menschen mit sehr unterschiedlichen biografischen, religiösen und politischen Hintergründen zusammen. Diskutiert wurde, wie Migration seit den 1990er Jahren jüdische Gemeinden verändert hat und was jüdische Identität heute ausmacht. Der teilweise kontroverse Austausch machte sichtbar, wie unterschiedlich Erfahrungen und Positionen innerhalb der jüdischen Community sind.
Das Abschlusspodium „Generation Zukunft“ richtete den Blick auf die Gegenwart und Zukunft junger Jüdinnen und Juden in Deutschland. Akteur:innen aus Verbänden, Wissenschaft, Kultur und Medien sprachen darüber, wie einerseits der zunehmende Antisemitismus ihren Alltag, ihr Engagement und ihre gesellschaftliche Teilhabe prägt, aber auch darüber, wie sie jüdische Perspektiven selbstbewusst in gesellschaftliche Debatten einbringen. Auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Israel und ihre Bedeutung für Jüdinnen und Juden in Deutschland wurden kontrovers diskutiert. Bindungen an Israel, Kritik, Sorge, Enttäuschung und die Folgen der gesellschaftlichen Polarisierung werden unterschiedlich erlebt und dürfen nebeneinanderstehen.
Vielleicht war genau das die wichtigste Erfahrung dieser beiden Tage: Es entstand ein Raum, in dem Kontroversen nicht vermieden werden mussten. Die Sommerakademie war damit auch ein „brave space“: ein Raum, in dem auch Widerspruch, Irritation und schwierige Fragen Platz hatten, ohne dass der Austausch abbrach. Der mehrfach geäußerte Wunsch nach einer Wiederholung zeigt, wie groß der Bedarf an solchen Räumen ist – an Orten, an denen über jüdisches Leben, Antisemitismus und Israel nicht übereinander, sondern miteinander gesprochen wird.